Die Sinnesexplosion

Mit Technologie zur Natur

Die Welt in Zeitlupe betrachten? Kein Problem für die Libelle: Ihre Reaktionszeit ist einmalig, ihre Trefferquote beim Fliegenfangen liegt bei 95 Prozent. Sie möchten wissen, wie sich das anfühlt? Das Londoner Künstlerinnenkollektiv Marshmallow Laser Feast macht es möglich. Es experimentiert seit 2011 mit virtueller Realität und macht mit VR-Brillen Unsichtbares sichtbar. Wir sprechen mit Mitbegründer Barnaby Steel über die Poesie der Bäume, Explosionen der Sinne und Sternenstaub. Blicken Sie durch die Augen der Tiere und lesen selbst.

„Dich selbst ein- und ausatmen“

Elisa Promitzer: Magst Du Marshmallows?

Barnaby Steel: Der Name unseres Kollektivs hat keine tiefe Bedeutung (lacht). Wer weiß schon, woher Ideen wirklich kommen – Inspirationen sind wie Blitze, „Laser“ trifft es also ganz gut.

Erkläre Deine Arbeit einem Kind!

Unsere Kunst findet jenseits der Sprache statt, sie zelebriert die Natur. Einem Kind diese zu erklären, gleicht dem Versuch, den Geschmack eines Apfels in Worte zu fassen – es ist schwierig. Wir schaffen Installationen, die mehrere Sinne ansprechen. Wir spielen mit dem Sehen, Hören, Riechen, Tasten und sogar dem Schmecken, um unsere Wahrnehmung zu erweitern.

Du verwendest virtuelle Realitäten, um Unsichtbares sichtbar zu machen, …

… um verborgene Dimensionen der Realität wahrzunehmen, wie noch niemand zuvor. Wie ist es, wenn Du Dich selbst einatmest, Dich selbst ausatmest, Du zu einem Baum wirst?

„Libellen sehen in Slow Motion verglichen mit der Geschwindigkeit der menschlichen Wahrnehmung!“

Du hast das experimentelle Künstlerinnenkollektiv Marshmallow Laser Feast mitbegründet, um darauf eine Antwort zu finden. Ihr schafft interaktive und immersive Erlebnisse an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft, Technologie und Natur. Warum?

Wie arbeiten mit Wissenschaftlerinnen, Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Von Installationen über kinetische Skulpturen und Filme bis hin zu Live-Performances. Mit virtueller Realität können wir simulieren, wie es sein könnte, etwas anderes als ein Mensch zu sein, zum Beispiel die Welt durch die Augen eines Tieres zu sehen. 

„Die Welt mit den Augen anderer Tiere zu betrachten, ist ein Heilmittel gegen die Krankheit der menschlichen Selbstüberschätzung“, sagt der US-amerikanische Journalist Michael Pollan (*1955).

Dieser Perspektivenwechsel bringt uns auf den Boden der Tatsachen zurück. In unserer Arbeit „In the Eyes of the Animal“ (2016) blickt man mittels einer VR-Brille durch die Netzhaut einer Libelle, also wortwörtlich in ein neues Farbspektrum.

Wie betrachtet die Libelle die Welt?

Sie reagiert empfindlich auf ultraviolettes und infrarotes Licht, die Anordnung ihrer Augen in Relation zu ihrem Gehirn ermöglicht außergewöhnlich schnelle Reaktionszeiten. Sie sieht alles in Slow Motion. Ihre Trefferquote beim Fangen von Fliegen in der Luft liegt bei etwa 95 Prozent. Libellen können sogar kopfüber und rückwärts fliegen.

„Sinneskitzler“

Deine Installationen werden von Wissenschaft und Spiritualität beeinflusst. Wie erlangst Du, als Künstler, dieses Wissen?

Der Ursprung meiner Arbeit ist die Suche nach der Antwort auf die Frage, warum wir überhaupt am Leben sind. Sterne explodierten, um Elemente herzustellen, die für die Existenz des Lebens benötigt werden. Der Gedanke, selbst aus Sternenstaub gewebt zu sein, fasziniert mich. Wir dürfen den Planeten mit artenreichen Kreaturen teilen. Mit meiner Arbeit feiere ich diese Koexistenz. 

Woher weißt Du, wie Tiere die Welt wahrnehmen?

Es beginnt mit einem Interviewprozess, in dem wir mit Spezialistinnen sprechen. Über die Eule konnte ich Folgendes lernen: Ihre Augäpfel sind in ihrer Position fixiert, fast so, als wären sie in ihrem Schädel zementiert. Wie ein Fernglas mit einem 200-Millimeter-Objektiv, das in ihrem Kopf steckt. Damit sie sehen kann, muss sie ihren Hals drehen – dieser 360-Grad-Blick ist also ein Produkt der Evolution. Eulen können eine Maus auf einer Fläche von der Größe eines Fußballfeldes erkennen. Auch die Entwicklung der Federn ist interessant: Wenn sie sich ihrer Beute nähern, fliegen sie geräuschlos, um diese zu fangen.

„Aus Sternenstaub gewebt“

Der französische Schriftsteller und Poet Jean-Christophe Bailly schreibt: „Der Blick der Tiere, in dem wir uns wiedererkennen.“ In welchen Tieraugen fühlst Du Dich verstanden?

Nicht verstanden, aber am spannendsten finde ich, die Welt aus dem Blickwinkel eines Baumes zu betrachten. Ich sehe den Baum als lebendes, atmendes Wesen.

Bäume sind die Brücke zwischen der Energie des Kosmos …

… und der Energie, die durch alle Lebewesen fließt. Bäume sind mehr als nur Holz, die sanften Riesen sind die Grundlage des Lebens.

Deine Arbeit ist eine Explosion der Sinne. Auf welchen Wahrnehmungssinn würdest Du am ehesten verzichten?

Menschen mit Sehbehinderungen haben einen verbesserten Geruchs-, Tast- und Hörsinn. Es ist interessant, wie andere Sinne die Lücke des verlorenen Augenlichts füllen können. Die Fähigkeit, zu sehen, ist exquisit, freiwillig würde ich nicht darauf verzichten wollen.

„Ein poetischer Anstoß zur tieferen Wertschätzung der Natur.“

Hattest Du die Möglichkeit, die Virtual-Reality-Installationen mit indigenen Völkern zu testen, die eine enge Verbindung zum Wald haben?

Indigene Menschen vom Yawanawá-Stamm kamen während einiger Zeremonien in London auch zu uns ins Studio, um unsere Installation „Treehugger: Wawona“ zu testen. Durch eine transparente Darstellung der Baumrinde wird der Fluss von Wasser, Nährstoffen und Sauerstoff sichtbar. Eine Klanglandschaft gibt das Gefäßsystem des Baumes akustisch wider: die Tonspuren von Vögeln, Insekten, Amphibien, Regen und Wind werden vermischt. Diese Erfahrung, dass wir den Baum als Lebewesen zeigen, fand bei den Leuten aus dem Stamm Anklang, weil es dem ähnelt, wie sie Bäume in ihren Zeremonien sehen. 

Kann man diese Zeremonien mit virtueller Realität vergleichen?

Nein, das ist eine ganz andere Ebene, aber es zeigt, dass man durch die Linse der Wissenschaft diese Art von verborgener Schönheit enthüllen kann. Diese Erfahrung soll nicht enden, wenn man das Headset abnimmt, sie soll verstanden werden. Unsere Arbeit ist ein poetischer Anstoß zur tieferen Wertschätzung der Natur.

Was inspiriert Dich?

Die Welt steckt voller seltsamer Synchronität: Vor ein paar Jahren flog ich nach Lima, arbeitete auf meinem Laptop an einer Präsentation über Bäume. Neben mir saß ein alter Herr, er beugte sich zu mir, betrachtete diesen riesigen Mammutbaum auf meinem Computer und sagte: „Oh, diese Bäume sind so alt, weil sie so langsam atmen.“ Wie sich herausstellte, war er ein Tai-Chi-Meister, der Atemmeditationen inmitten von Mammutbäumen zelebrierte. Wir philosophierten den ganzen Flug über die Konsequenzen unseres menschlichen Tuns auf dem Planeten. 

„Ist der Mensch eine Zelle im Körper der Erde?“

Für Deine Arbeit brauchst Du Grafikkarten, Mikrochips – heruntergebrochen – Unmengen an Plastik und Rohstoffen …

… was nicht selten mit einem ironischen Beigeschmack einhergeht. Aber all diese Technologien, mit denen wir gerade experimentieren, stecken noch in den Kinderschuhen. Wir glauben an die Idee, dass Technologie eine Verbindung zur Natur darstellen kann. Wie der britische Tierfilmer David Attenborough (*1926), der durch seine Kamera eine Verbindung zu Walen und Schneeleoparden sowie zur Schönheit und Biodiversität des Lebens schuf.

Die Arbeit „EVOLVER“ (2022) ist ebenso schön wie philosophisch. Geführt von der Stimme der oscarprämierten Schauspielerin Cate Blanchett wird das Publikum tief in die Landschaft des Körpers entführt und folgt dem Fluss des Sauerstoffs durch unser verzweigtes Ökosystem bis hin zu einer einzelnen „atmenden“ Zelle.

Der Wald steht symbolisch für den Menschen, ein riesiger Eichenbaum verzweigt sich in einen linken und rechten Lungenflügel, ein wilder Fluss symbolisiert das Herz, das sich zu einem Gehirn verknotet. Die Reise des Atems verlässt das Pflanzenreich, strömt durch Mund und Nase in die Lungen, trifft auf den Blutkreislauf und macht sich dann auf den Weg zu jeder Zelle in unserem Körper.

Atmen unsere Zellen die Luft oder atmet die Welt uns?

Wir sind ein Zellhaufen, ist das nicht verrückt? Jede Erfahrung ist ein kleines Pizzastück von dem, was im eigenen Körper passiert. Ist der Mensch eine Zelle im Körper der Erde? Wir sind ein Teil des größeren Ganzen! Man hat zwei Körper, sich selbst und die Erde. Ökosysteme sind mit anderen Ökosystemen vernetzt.

„Spirituelle Verbindung zur Natur“

Wie ineinander verschachtelbare Matrjoschka-Puppen?

Genau. David Abram (*1957), ein amerikanischer Ökologe und Philosoph, zeichnet passend dazu ein schönes Sprachbild über die Beziehung zwischen Lachs und Wald. Der Lachs spiegelt den Atemzyklus des Waldes wider. Bildlich gesprochen, kann man es sich folgendermaßen vorstellen: Der Wald atmet durch einen Bach den Lachs aus, dieser findet seinen Weg ins Meer, wird fett, saugt Nährstoffe auf, kommt wieder zurück zu seinem ursprünglichen Fluss. Er nimmt alle Nährstoffe mit, um dann zu sterben. Die Bären fangen den Lachs und verteilen die Nährstoffe im ganzen Wald. Jeder Lachs hat durch diese tiefe Beziehung zu einem bestimmten Bach im Wald einen fein abgestimmten Körper, der durch seine Umgebung geformt ist. Der Wald formt den Fluss, dieser den Lachs, dieser den Bären und so weiter. Ich liebe diese Art von Ideen, die David Abram mit der Sprache erforscht. Wir versuchen, diese mit VR zum Leben zu erwecken. Wie wäre es, der Lachs, der Bär oder der Wald zu sein?

Auf einem Instagram-Bild posierst Du auf einem umgestürzten alten Baum. Du schreibst, dass er möglicherweise die Ausdünstungen von Tieren eingeatmet hat, die vor 3.263 Jahren als Holzzellen zementiert wurden – wie Kohlenstoffballons. Gehst Du immer mit diesem Mindset durch die Welt?

Ich habe gerade ein Blumen-Projekt abgeschlossen. Die Blume blühte im Studio, fünf bis sechs Stunden beobachtete ich sie mit meinem Makroobjektiv, um sie später im Zeitraffer bestaunen zu können.

Du siehst mehr als eine Blume, …

… ich sehe die kondensierte Schönheit des Ganzen, die mit mir zu sprechen beginnt.

„ 24/7 geöffneter Mücken-Supermarkt“

Was erzählt sie?

Sie öffnet sich nur für eine Nacht, am nächsten Morgen wird sie abfallen. Diese Arbeit ist pure Meditation. Wir sezierten die Blume, entfernten und scannten die Blütenblätter. Dann bauten wir die Blume in 3D nach. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich nicht nur eine Blume, ich sehe Leben.

Behandelst Du Tiere nach Deiner intensiven Arbeit anders?

Warum erschlagen wir Mücken? Weil sie nervig sind, die Bisse jucken? Wenn Du die Welt durch die Augen einer Mücke entdeckst, siehst Du die Mücke mit anderen Augen. Du realisierst, dass sie die Temperatur und den Geruch der Haut und das Kohlendioxid, das aus Deinem Atem kommt, wahrnehmen kann. Sie landet auf Deiner Haut, frisst ein bisschen Blut – wir sind ein 24/7 geöffneter Mücken-Supermarkt. Ich versuche, sie nicht mehr zu erschlagen. Dieser Beobachtungsprozess führt zu einem tieferen Gefühl von Empathie und Verbundenheit. 

Danke für das Gespräch!

Barnaby Steel ist ein britischer Künstler und Mitbegründer des renommierten Londoner Künstlerinnenkollektivs Marshmallow Laser Feast (MLF), das die Idee der menschlichen Wahrnehmung und Erfahrung neu interpretiert. Unter Einsatz einer Fülle kreativer Disziplinen und auf der Grundlage von Forschungsergebnissen lädt MLF die Teilnehmerinnen dazu ein, sich mit einer sensorischen Wahrnehmung jenseits des Alltäglichen zu bewegen. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Musikerinnen, Dichterinnen, Programmiererinnen, Ingenieurinnen und vielen anderen Macherinnen. Durch die Verschmelzung von architektonischen Werkzeugen, zeitgenössischen bildgebenden Verfahren und Performances mit taktilen Formen schaffen MLF Räume, die in sich ruhen, bis sie durch spielerische Erkundung belebt werden. Steel lebt und arbeitet in London.