Fashion-Rave im Berghain: Wir besuchten die Berlin Fashion Week und sichteten Lady-Gaga-Outfits im Nachtclub, den US-amerikanischen Choreografen und Model Bruce Darnell in der Philharmonie und traumhafte Mode aus alten Sneakern. Berlin kann Fashion anders und zeigt sich inklusiv, artsy, nachhaltig, edgy und dabei elegisch elegant. Ein Lokalaugenschein, Teil II.
Mit Anzug ins Berghain: Der in Berlin lebende Designer Maximilian Gedra bringt mit seiner dritten Kollektion den klassischen Bürolook ins Wanken. Präzises Tailoring trifft auf extreme Proportionen: Schultern, meterbreit und in geometrischen Formen über den Kopf hinausragend, brechen mit Konventionen. Ungewöhnliche Materialkombinationen tun ihr Übriges. Ein Kleid, gehalten von 30.000 Sicherheitsnadeln, war nur eine der spektakulären Kreationen. Der finale Look? Ein Gesamtkunstwerk aus 30.000 mit der Hand angenähten, upgecycelten Knöpfen – 17 Kilogramm schwer. Chaos am Kopf: Haare und Textilien formten auf den Köpfen der Models skulpturale Gebilde. „Berlin Fashion Week bedeutet für mich absolute kreative Freiheit und die Möglichkeit, Mode als kraftvolle Plattform für Wandel und Inklusivität zu nutzen. Diese Stadt vereint Tradition und Avantgarde wie keine andere – genau das inspiriert mich, Grenzen neu zu definieren“, so Maximilian Gedra.
Die Show war durch den treibenden Rhythmus aus Techno-Beats, Licht- und Nebeleffekten sowie kraftvollen Walks rhythmitisiert – mit dem grande Finale zum Song „Abracadabra“ von Lady Gaga. Im Musikvideo trägt sie einen Hut aus Maximilian Gedras Kollektion „Stalactite". Der aus Schifferstadt, einer 22.000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz, stammende Designer verrät, dass Lady Gagas extreme Outfits in jungen Jahren ihn dazu inspirierten, Modedesigner zu werden. Einen Tag vor seiner Show, in der Nacht zum 3. Februar 2025, wurde das Musikvideo bei der Grammy-Verleihung überraschend veröffentlicht – sind die Looks für Lady Gaga oder die Songs für Maximilian Gedras Mode kreiert worden? Nach dieser Show ist alles möglich!
Das Berliner Label Fernando Berlin entwarf exklusive Lederboots. Der Hair-Artist Soh Kogasaka kreierte aufwendig gestaltete Haar- und Kopfschmuckdesigns.
Dass Mode auch politisch kann, zeigte die slowakische Upcycling-Designerin Melisa Minca. Sie gründete ihr Label 2018 und haucht in ihrem Berliner Studio alten Kleidungsstücken frisches Leben ein. Um ihren Werten treu zu bleiben, verzichtete sie bewusst, (oder vielmehr gezwungenermaßen) auf die finanziellen Mittel, mit denen die Stadt Berlin viele Designerinnen unterstützt. Ihre Show wurde als zu „politisch“ angesehen. Mode ist nicht nur schön und glamourös, sondern vor allem teuer und arbeitsintensiv. Aus diesem Grund organisierten die Designerin und ihr Team eine Fundraising-Kampagne, um die Show zu finanzieren. Sie zeigten transparent, wie viel so eine Show mit allem Drumherum kostet – stolze 25.000 Euro –, öffneten die Türen der mysteriösen Modewelt und verkauften Tickets für die Shows.
Ein Aktivismus-Performance-Fashion-Show-Hybrid erforschte das Erotische als Macht und Liebe als politische Widerstandskraft. Aktivistinnen standen Seite an Seite mit Models, um Solidarität mit den Gemeinschaften in Palästina, Jemen, Libanon, Syrien und darüber hinaus zu zeigen. Man kann die teils radikalen Sichtweisen kritisieren oder als künstlerisches Mittel verstehen, die Looks lieben oder hassen – die geballte Energie der Show und die Klarheit des Konzepts kann niemand abstreiten.
Makeup: Jacinta del Solar Dorrego, Makeup Assistants: Azul Urrutia Galaz, Daniella Alsopp, Jasmin Oliveira Oppitz, Lucia Sierra, Hair: Lau Perez, Hair Assistants: Maiara Izabele, Katya Cohe, Sound: Dornika, Sound Edit: HAUSVRAU, Models: Joanna Bacas, Naikee Simoneau, Shaya, Alaa Abdalwahab, Ed Kempe, Jade Lee, Cicy Dollas, Briana Pegado, Coco Klein, Rowan El Goweiny, Georgette, Mandhla Ndubiwa, Mayila Khodadin, Marlene Schomberg, Frederikke Hamberg, Ina Jia Guo, Eleni Vogiadjis, Samira Aakcha, Riley Davidson, Lawunda Richardson, Casey, Naya de Souza, Cocktails: Dorian Dethloff, Dressers & Runners: Ross Hunter, Carla Casanovasmarfil, Vereniki Filippidi, Sophie Reissmann, Om Marinelli, Alicia Suerken, Caspar Breische, Tamara Geliashvili, Nils Just, Rashed Baarah, Special thanks: Francisca Morel, Axel Hahn, Rachel Sabick, Leonardo Lodeserto, Isabella Rhein, Arikia Millikan, Awa, Alina Mae, Richard Alvarez, Vanka Mincova, Miran Biran
William Fan: ALTER EGO
Zehn Jahre zeitlose Eleganz und Vision zelebrierte der deutsch-chinesische Designer William Fan (*1987, Hannover) in der Philharmonie Berlin mit subtiler Dramatik und Peking-Oper-Referenzen. Er hat sich entgegen der Schnelllebigkeit und ohne sich dem Trenddschungel auszuliefern, nicht nur zu einer Fixgröße der Berliner Fashion Week, sondern zu einem Upcoming-Star in der internationalen Modewelt etabliert. Fan, der vor seinem eigenen Label für Alexander McQueen in London arbeitete, stellte sich zu seinem Jubiläum die Frage, wie man Mode nutzen kann, um in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen, aber auch, wie vielschichtig der Charakter sein kann? Bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen verkörperten ihren Alter Egos auf dem Runway: Klara Lange, bekannt als Pina aus der deutschen Fernsehserie „Die Discounter", und Bruce Darnell, US-amerikanischer Choreograf, Model und GNTM-Juror. Ironie kam dabei natürlich auch nicht zu kurz: Features Director von VOGUE Germany, Maria Hunstig, schlüpfte mit einer XXL-Sonnenbrille und einem T-Shirt mit dem Schriftzug „Annabelle Bronstein" in das Alter Ego von Samantha Jones aus der Serie „Sex and the City!"
Unsere Redakteurin Rahel Schneider bringt es auf den Punkt: „Der Soundtrack war mehr als nur Hintergrund, eher eine Reise durch Zeiten und Stile. Auf klassische Klänge traf „Venom“ von Little Simz, bis zum großen Finale, das Closing zu Kate Bushs „Wuthering Heights“. Es war laut, es war fordernd, fast schon filmisch. Das erste Model betrat den Laufsteg mit einer Lässigkeit, die so mühelos wirkte, dass man kurz dachte, sie suche ihren Platz. Doch als sie näher kam, wurde schnell klar: Genau das war der Plan. Diese Coolness war Absicht, war Haltung. Eine Aura, die einen in den Stuhl drückte."
Drapierte Stoffe, Paillettenexperimente und kraftvolle Formen sind aus seinen Kollektionen, die teils in Hongkong produziert werden, nicht wegzudenken – er baut seit Beginn seiner Brand eine Brücke zwischen westlicher und asiatischer Kultur – eine Hommage an die Herkunft des Designers. Nach der Show folgte ein 20-minütiges Klavierkonzert des Duos Duo d’Accord – eine elegante Verbeugung vor dem Raum, der eine der besten Akustiken der Welt zu bieten hat – und setzte dem Abend die musikalische Krone auf. Unser Redakteur Ruben Figueiras direkt nach der Show: „Ich hab noch immer den gleichen Ohrwurm wie vor der Show. Das ist das einzige, was mich daran erinnert, dass ich noch der selbe Mensch bin.“
Design & Kreativdirektion: William Fan, Hair: Oribe by Rabea Röhll, MakeUp: Kiko Milano by Jana Kalgajeva, Supported by Fashion Council Germany, Location: Philharmonie Berlin
PALMWINE IceCREAM: LIFE MOODBOARD
Wie kreiert man eine visuelle Collage des Lebens? Der ghanaisch-britische Designer Kusi Kubi griff nicht zu Stift und Papier, sondern zu Lederresten, Holz, Raffia und Deadstock-Stoffen. PALMWINE IceCREAM ist die erste afrikanische Marke, die als Gewinner des Berlin Fashion Week Konzeptwettbewerbs in der Kategorie „Berlin Contemporary" ausgezeichnet wurde. Der perfekte Zeitpunkt, um auf seine Erfolge seit Markengründung im Jahr 2019 zurückzublicken:
Silhouetten wanderten von festen zu fließenden Formen, eine Symbolik für das Wachstum und die Veränderung des Lebens, für persönliche Meilensteine? „Mein kultureller Hintergrund spielt eine große Rolle in meinen Designs. Aufgewachsen in einem traditionellen ghanaischen Haushalt, war ich ständig von reichen Texturen, kräftigen Mustern, Silhouetten und lebendigen Farben umgeben (...). Meine Kultur ist auf gewisse Weise in alles eingewoben, was ich kreiere", so Kusi Kubi.
Der ukrainische Designer Mitya Hontarenko zerstörte Sneaker in Mosaiksteine und reparierte sie zu kunstvollen Kleidercollagen. Patchwork-Stil trifft auf Handwerkskunst. Dazu: schnelle Bässe, eine einprägsame Melodie und ein Geräusch, das an Tätigkeiten am Fließband erinnerte ...
... eine subtile Kampfansage gegen die schnelllebige Modewelt, Fast Fashion, ein Zeichen für Nachhaltigkeit? Bereits in seiner letzten Kollektion „Sneaker Riot" zerschnippelte er 500 Paar Schuhe und zeigte, dass sich auch hinter der Farbwahl (politische) Botschaften verstecken: Khaki symbolisiere den Krieg, Braun stehe für den Boden, den sie verteidigen, und Schwarz vermittle die Trauer über den Verlust! Auch diesmal sieht man viel Schwarz, aber Patchwork-Jacken, die an Schutzwesten erinnern, Knieschützer und helle Farbtöne machen der Dunkelheit Konkurrenz – ein Symbol für ihre Widerstandsfähigkeit? Der bewusste Einsatz von Stille ließ in der Lagerhalle am Rand von Berlin Zeit zum Nachdenken und Mode Schauen.
Mityas Aufwachsen in der Region Donezk in der Ukraine, einer Region, die von industrieller Verschmutzung und Umweltproblemen geprägt ist, habe das Fundament seiner Brandidentität stark beeinflusst. Am 14. Februar 2025 zeigt die 2021 gegründete Streetwear-Brand PLNGNS aka Palingenesy auch bei der Ukrainian Fashion Week, die zum zweiten Mal seit Kriegsbeginn wieder in Kyiv stattfindet.
Wie viel Mensch, wie viel Maschine?Die Kollektion der jungen deutschen Designerin Laura Gerte, die 2019 ihren Bachelor an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin absolvierte, ging den Cyborg-Theorien auf den Grund und erzählte eine Geschichte von Transformation und hybriden Zukunftsvisionen. Der Science-Fiction-Film „Ghost in the Shell" von Mamoru Oshii (1995) und „A Cyborg Manifesto" (1985) von US-Amerikanerin Donna Haraway, eine bedeutende feministische Denkerin und Wissenschaftshistorikerin der Gegenwart,inspirierten sie. Kabelelemente schlängelten sich durch die gesamte Kollektion, etwa verwoben zu einem Rock, und zogen sich durch den kreisförmig aufgebauten Laufsteg, fast wie in einem Labyrinth, bis in der Mitte alle Outfits miteinander verschmolzen.
„Wir kleben alle an unseren Handys, obwohl unsere Bildschirmzeit zu hoch ist, und wir müssen uns fragen, ob wir Instagram noch nutzen wollen, weil es von einem Mann betrieben wird, der eindeutig nicht mit unseren Werten übereinstimmt. Vor dem Hintergrund all dieser Fragen ist die Botschaft, die ich vermitteln möchte, letztlich eine des Miteinanders.“, so Laura Gerte in einem Interview mit VOGUE Germany. Teamgeist bewies sie auch bei ihrer zweiten Kollektion auf der Berlin Fashion Week: Zahlreiche Mitglieder des Partykollektivs Multisex, das sie mitbegründete, halfen vor und hinter den Kulissen im ikonischen Kranzler Eck, das nach dem berühmten Café Kranzler, das an dieser Stelle seit dem 19. Jahrhundert ein beliebter Treffpunkt war, benannt wurde und heute ein Einkaufs- und Bürozentrum ist.
Die Farbe Rot, Layering und Zeitungsprints – die Zweitausender lassen grüßen – dominierten die Kollektion der Designerin. Der Großteil ihrer Kollektion folgt den Regeln des Upcyclings: Sie bezieht ihre Stoffe aus einer Einrichtung der Berliner Stadtmission, die Kleidung für Bedürftige sammelt und alles kiloweise verkauft, was keine Verwendung findet. Den Kreislauf des Lebens denken? Sich in den Problemen unserer digitalen Welt verheddern? Mode als nachhaltigen Kreislauf begreifen? Der Soundtrack von Berliner DJ Gigola und die Choreografie von Movement Direktorin Dafni Krazoudi lies vergessen, ob wir bei einer Fashion Show oder in einem Club sind! Das nennen wir ein würdiges Ende des Fashion-Week-Wahnsinns – bei Laura Gerte läuft's rund.
Creative Direction: Laura Gerte, Production: Elli Crespo, Styling Direction: Luisa Probst, Hair & Make Up Direction: Philipp Verheyen, Casting Direction: Benedikt Verheyen with Piotr Casting, Location: Kranzler X, Movement Direction: Dafni Krazoudi, Set Design: Marilena Büld, Light Design: Lars Murasch, Sound Design: DJ Gigola & words by Samja Zad, Photo: Tristan Rösler, Video: Daniel Helgert, Guest Management & PR: Rafael Sergi and Stella Raschke
Wie funktioniert so eine Fashion Week eigentlich? Die Berlin Fashion Week Autumn/Winter 25 (31. Januar bis 3. Februar 2025) zeichnete sich nicht durch klassische High-Fashion-Größen aus, wie man es von Social Media von der Paris Fashion Week kennt. Hier liegt der Fokus auf Nachhaltigkeit, Inklusivität und Kreativität. Etablierte Labels wie William Fan zeigen neben Uniabgängern wie Laurin Schuler im offiziellen Kalender. Möglich ist das unter anderem durch den Berlin Contemporary Wettbewerb. Zum fünften Mal vergibt die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe in Zusammenarbeit mit dem Fashion Council Germany Preise für innovative Show- und Präsentationskonzepte. Aus insgesamt 91 Einreichungen wurden 19 Gewinnerinnenkonzepte ausgewählt, die jeweils mit 25.000 Euro prämiert wurden.